Darf Jesus das Denkschema brechen?
15. September 2009
In den letzten Wochen habe ich das Markusevangelium ausgelegt. Dabei ist mir an sehr vielen Stellen und vor allem in Markus 2 aufgefallen, wie sehr Jesus das Denkschema der damaligen Menschen über den Haufen geworfen hat.
- Er sprach Sündenvergebung zu, obwohl das nur Gott konnte / durfte.
- Er heilte am Sabbat, obwohl das laut Tradition nicht erlaubt war.
- Er brach die Erwartungen an einen "Messias".
- Er aß mit Menschen, die eigentlich am Rand oder schon außerhalb der Gesellschaft standen und kümmerte sich nicht um die Frommen.
- Menschliche Regeln und Traditionen, die bei weitem über die Gebote Gottes hinaus gingen, hat Jesus nicht all zu wichtig genommen.
Oja, Jesus enttäuschte ständig die Erwartungen der frommen Juden. Und das brachte ihm richtig viel Ablehnung ein und ab Markus 3 sogar die Vorverurteilung und laufende Bemühungen, ihm eine Falle zu stellen und umzubringen. Warum? Weil "Denkschemen und Erwartungen brechen" auch ein Angriff auf die bestehenden Machtverhältnisse ist.
Nun, aber wie steht es eigentlich mit unserem Denkschema?
Haben wir die richtige Antwort auf die Frage, wer Jesus ist? (Übrigens eine Frage die Markus ausführlich beantwortet.) Und wie würden wir reagieren, wenn Jesus nicht mit unserem Denkschema konform ist. Man stelle sich nur vor, er würde heute Kaugummi kauend auf der Kanzel unserer Gemeinden stehen und das Evangelium predigen. Würdest du IHM zuhören, oder würdest du dich über das Kaugummi aufregen?
Ein Denkschema ist immer eine Art und Weise, sich einzelne Themen, bis hin zur ganzen Welt mit allem darin, zu erklären. Menschliche Erklärungsversuche für etwas, das uns eigentlich viel zu groß ist. Die Pharisäer, Schriftgelehrten & Co hatten ein solch starres Schema und es brachte, die frömmsten Menschen dazu, bewußt Gottes Gebote mehrfach zu brechen (Lügen in der Anklage, Neid, Folter, Mord).
Auch heute haben die Menschen solche Schemen - und nicht nur die Frommen, sondern auch die Atheisten. Bei den einen sind es Traditionen und Verhaltensmuster, die zu einer kirchlichen Liturgie geworden sind und nicht mehr das Leben und die Freiheit im Glauben wiederspiegeln. Bei den anderen sind es Überzeugungen auf Basis der Toleranz, die dazuführen, dass Andersdenkende diffamiert, angezeigt und verurteilt werden. Sowas sieht man heute zum Beispiel beim Thema
- Bewertung von Homosexualität
- Entstehung des Universums und des Lebens
- Sexualität und Geschlechterfragen (Stichwort: Gleichberechtigung)
- Gelebte christliche Überzeugungen und Werte
Ist es nicht komisch, dass Menschen ihre eigenen Werte und Denkschemen dadurch verteidigen wollen, dass sie sie brechen oder missachten? Könnte es sein, dass in solch einem Moment das Denkschema zur allein gültigen Wahrheit erklärt wird? Vielleicht sollten wir offener sein, unsere Überzeugungen zu überprüfen. Wenn sie der Wahrheit entsprechen, kann ihnen eigentlich nichts passieren, oder? Aber wenn unser Denkschema falsche Annahmen beinhaltet, dann könnten wir sie dadurch erkennen und der wirklichen Wahrheit einen Schritt näher kommen.
Fragt sich nur, ob wir bereit sind unser Denkschema einer Belastungsprobe auszusetzen. Andere mundtot machen führt auf jeden Fall nicht zum Ziel, das lehrt die Bibel und jedes andere Geschichtsbuch.
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