"Wozu um alles in der Welt lebe ich?"

Die Frage ist sicherlich so alt wie die Menschheit selbst. Ok, vielleicht haben sie Adam und Eva noch nicht gestellt, aber sicher ihre Nachkommen. Denn die hatten von Gott kaum bis gar keine richtige Ahnung mehr (Ausnahme: Henoch), sonst hätte Gott wohl kaum 1700 Jahre später alles untergehen lassen.

Ich will hier auch nicht die Geschichte der Bibel nacherzählen, sondern meinem Unmut über eine Tendenz Ausdruck verleihen, die ich in meinem christlichen Umfeld erlebe. Der Auslöser für diesen Post ist die neueste Ausgabe der KfG-Zeitung "Gemeindegründung" (Leider noch nicht als einzelne pdf-Artikel erhältlich, aber das reiche ich nach! unter diesem Link). Wie so oft in der letzten Vergangenheit wird auch dort über das Buch "Leben mit Vision" kritisch berichtet. Die erste Seite der Auseinandersetzung empfand ich dabei noch als ausgewogen. Aber dann kam es dicke.

Es wurde kritisiert, dass bei diesem Buch nicht klar ist, welche Zielgruppe getroffen werden soll. Christen oder Nichtchristen. Mal ehrlich: Ist die Antwort auf den Sinn des Lebens denn unterschiedlich bei diesen beiden Gruppen? Wenn Gott ALLE Menschen geschaffen hat, dann wird ja wohl auch das Lebensziel bei allen dasselbe sein, oder?

Als nächstes wird kritisiert, dass dieses Buch (ausgehend von der Annahme, dass es für NICHT-Christen geschrieben wurde - woher sie das dann plötzlich wissen, ist mir schleierhaft!) ein evangelistischer Dünnbrettbohrer und völlig unzureichend sei.

Aber Hallo, was ist denn das Ziel dieses Buches? Es hat die Frage nach dem Lebenssinn gestellt und ist kein reine reine Evangelisationsbroschüre oder ein ultra-evangelikaler Alpha-Kurs, oder sowas. Es möchte Gedankenanstöße liefern und Antworten aus der Bibel aufzeigen und dass eher im Stil eines Andachtsbuches als einer Kommentarreihe á la Wuppertaler Studienbibel.

Wie detailiert sind eigentlich Reiseführer? Denn nichts anderes möchte "Leben mit Vision" sein.

Dies ist mehr als ein Buch; es ist ein Reiseführer zu einer 40-tägigen geistlichen Reise, die Sie in die Lage versetzen wird, die wichtigste Frage in Ihrem Leben [selbst/ selbstständig] zu beantworten: ... Am Ende dieser Reise werden Sie Gottes Ziel für Ihr Leben kennen. Sie werden einen größeren Überblick haben und verstehen, wie die verschiedenen Teile Ihres Lebens zusammenpassen. Diese neue Perspektive wird ihnen helfen, ... (Rik Warren, Leben mit Vision, S.9)

Wenn Rick Warren also am Anfang über die Beziehung zu Gott und über Anbetung spricht, so ist das eher (grobe/ großflächige) biblische Grundlagenarbeit und nicht pure Evangelisation! Aber da die ganze KfG-Ausgabe "Kritik an Evangelisationsmethoden der heutigen Zeit" zum Thema hat, sollte die Kritik an dieser Stelle vielleicht auch nicht wundern (Die ersten beiden Artikel sind Übersetzungen von Botschaften von Keith Green. "Was ist am Evangelium falsch - entfernte Teile & hinzugefügte Teile).

Als letzter Kritikpunkt wird dann noch die "Managementmethoden" von "Leben mit Vision" und allem was mit Saddleback zusammenhängt kritisiert. Es wird sogar das Magazin "Forbes" zitiert (leider keine Quellenangabe dabei gewesen!).

In einem Artikel des Magazins `Forbes´ [renomiertes Wirtschaftsmagazin] beschreibt der Herausgeber `Kirche mit Vision´, den anderen Bestseller Warrens, `als das beste Buch über Unternehmertum, Geschäft und Kapitalanlage, das ich seit langem gelesen habe´. Er fährt fort:`Was immer sie auch über oder seinen Glauben denken, er hat da draußen ein klares Verbraucherbedürfnis erkannt´. ("Leben mit Vision - Warum wir Rich Warrens Bestseller ernst nehmen müssen -", Gemeindegründung Nr.85, 1/06, Seite 23)

Ich weiß nicht, ob das eine Katastrophe ist, wenn ein Pastor sich Gedanken macht, welche Menschen um ihn herum eigentlich leben und wie er sie am Besten erreichen kann. Wir alle machen das, wenn wir mal wieder über eine Evangelisation nachdenken. (Sollte das nicht ein Lebensstil sein?) Aber zugegeben in Saddleback ist das noch weit ausgeprägter als bei uns.

Aber wenn wir schon bibeltreu sein sollten, dann lasst uns auch auf Mt 7,16-20 hören. "Darum sollt ihr sie an ihren Früchten erkennen!" Und die Frucht im Sinne von "erretteten, hingegebenen Menschen" ist in Saddleback wahrscheinlich bedeutend größer als bei irgendeiner Gemeinde in Europa in den letzten 25 Jahren - auch nicht bei den evangelikalsten davon!

Mir scheint es fast so, dass die konservativen Kreise im deutschsprachigen Raum ihren Lebenssinn unter anderem hauptsächlich darin sehen unter dem Deckmantel der "Heiligung" andere Geschwister zu kritisieren. Denn das Fazit in dem Artikel ist eine WARNUNG an alle Christen und Nichtchristen, dieses Buch zu lesen - weder alleine noch in der Gruppe. Und wenn dann nur mit äußerster Vorsicht.

Die Risiken und Nebenwirkungen sind einfach viel zu stark. (ebd.)

Man kann über Saddleback/ "Leben mit Vision" sicher geteilter Meinung sein (Gebrauch von Bibelstellen und lockerer sprachlicher Umgang, Pragmatismus?), aber eines ist sicherlich nicht richtig. Dieses Buch "als vom Teufel erfunden" in die Wüste zu verdammen.

Denn im Gegensatz zu uns, haben die Geschwister in Saddleback nicht nur ein brennendes Herz für die verlorenen, sie bemühen sich auch (erfolgreicher als wir!) sie jede Woche zu erreichen. Mir tut echt das Herz weh, wenn ich sehe, wie "neidisch" und zum Teil "kindisch" wir uns verhalten. In 1Thess 5,19-22 heißt es

Den Geist dämpfet nicht, die Weissagung verachtet nicht; prüfet aber alles. Das Gute behaltet, enthaltet euch des Bösen in jeglicher Gestalt!

Ich würde mir von den Geschwistern beim KfG mal etwas zu dem positiven Vorbild von Saddleback für uns wünschen. Das wäre mal konstruktiv und würde vielleicht auch unsere Gemeinden und Evangelisationspraxis bereichern. Denn insgesamt fehlt mir nach der Fundamentalkritik dieses Artikels das konkrete Vorbild in der Ausgabe, wie "richtige Evangelisation" aussehen soll. Die Theorie durch Keith Green sind nur Worte, ohne ein sichtbares Beispiel!

Wieder einmal wird nur negativ abgegrenzt, ohne sich positiv zu definieren. Wenn das mal nicht in die Kategorie "den Geist dämpfen" gehört.

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