Christen sollen Jünger sein!

In den Diskussionen so mancher christlicher Kreise kann man Aussagen hören, die von wirklichen Christen im Gegensatz zu den "unwirklichen" oder ehrlicher "unechten" Christen sprechen. Vielleicht auf diesem Hintergrund baut die scherzhafte Frage auf, die während meiner Bibelschulzeit immer wieder gestellt wurde: "Wird man als Mennonit geboren wir, oder muss man sich dafür entscheiden?".

In den letzten Monaten habe ich einige Bibelarbeiten und Predigten vorbereiten dürfen und dabei bin ich auch mit diesem Thema in Berührung gekommen. Und ich möchte die etwas verletzende Bewertung von echten und falschen Christen an dieser Stelle gerne in eine andere Richtung lenken - nämlich zu der Frage, Christ oder Jünger. Basis für diese Gegenüberstellung soll Apg 11,26 sein.

Es begab sich aber, daß sie ein ganzes Jahr in der Gemeinde beisammen blieben und eine beträchtliche Menge lehrten, und daß die Jünger zuerst in Antiochia Christen genannt wurden. (Apg 11,26)

Die ersten Gläubigen waren Jünger Jesu. Das heißt, sie hatten sich nicht einfach nur für die Vergebung und das Ewige Leben in Jesus entschieden, sondern auch für ein Leben als Schüler Jesu. Sie hatten sich für Jesus als ihren Lehrer und Meister – ihren auferstandenen Rabbi – entschieden und damit für ein Leben in der Nachfolge. Und ihr Leben machte so einen gewaltigen Unterschied und fiel so sehr auf, dass sie als Gruppe die Bezeichnung ihres Führers bekamen und "Christen" genannt wurden.

Genau das war es, was Jesus wollte. Gott ging es nie nur um Bekehrungen, sondern immer darum, dass Menschen Jesus annehmen und sich in eine Jüngerschaftsbeziehung zu ihm begeben. Am deutlichsten wird das in Mt 28,19-20.

Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie taufet auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und sie halten lehret alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Weltzeit! (Mt 28,19-20)

Wenn wir einen Blick in die Kirchengeschichte werfen, dann stellen wir aber fest, dass viele Menschen ab dem 4.Jh. Christen wurden, weil das Christentum offizielle Staatsreligion wurde. Es war „in“ und „nützlich“ Christ zu sein, später im Grunde sogar Pflicht. Daraus entwickelte sich dann das Volkskirchentum mit der Römisch-Katholischen und später der Evangelischen Kirche.

Etwas Ähnliches erleben wir derzeit in Indien, wo sich Tausende von Dalits für das Christentum und den Islam entscheiden, weil sie einfach nicht mehr die Ausgestoßenen in der untersten Kaste des Hinduismus sein wollen. Diese Menschen nicht zu Christen zu erziehen, die Regeln einhalten, sondern sie in eine lebendige Beziehung zu Jesus zu bringen, so dass sie Jünger Jesu werden, dass ist die große Herausforderung.

Und ob diese Herausforderung gemeistert wird, wird sich im Leben der Einzelnen zeigen und zwar an der Frage, ob sie nur am Gemeindeleben teilnehmen oder ob sie als Jünger Jesu "Gemeinde leben", so wie die Gläubigen in Antiochia.

Teilnehmen am Gemeindeleben hat etwas mit Termine wahrnehmen zu tun, mit Organisation, mit Regeln und Traditionen einhalten. Aber „Gemeinde leben“ hat etwas mit einem veränderten Lebensstil zu tun. Mit dem Verständnis von biblischen Prinzipien, mit meinem Lebenszeugnis.

Viele Aufforderungen im NT – ich habe es jetzt nicht im Detail überprüft – aber viele Aufforderungen zielen auf eine Veränderung von unserem Denken, unserem Fühlen und unserem Herzen. Nur sehr wenige fordern ein konkret messbares Verhalten. Im Laufe der Jahre haben Prediger deshalb die allgemeinen Prinzipien oft mit konkreten Zielen verbunden, damit es eingängig ist. So wurde aus der dauerhaften Beschäftigung mit Gottes Wort die Stille Zeit von 20-30 Minuten.

Aber wenn wir als Gemeinde den Leib Jesu darstellen und ein Tempel des Heiligen Geistes sind, dann spiegeln wir als Ortsgemeinde das Wesen Jesu wieder. Und dieses Wesen soll in unserem persönlichen Leben unreglementiert zum Vorschein kommen. Das macht Paulus zum Beispiel in Gal 5,22-23 deutlich

Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit. Gegen solche Dinge gibt es kein Gesetz. (Gal 5,22-23)

In Röm 8,28-29 lesen wir, etwas über Gottes Ziel mit uns ist.

Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alles zum Besten mitwirkt, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. Denn welche er zuvor ersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dem Ebenbilde seines Sohnes gleichgestaltet zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. (Röm 8,28-29)

Gott will alle Lebenssituationen, in denen wir drin stehen, verwenden, um unseren Charakter, unsere Persönlichkeit, uns Denken und unsere Entscheidungen zu prägen und Christus ähnlicher zu machen. Denn unsere äußeren Handlungen werden bestimmt von dem, was wir denken und wovon wir überzeugt sind (Mk 7,21).

Wir können also in die Gemeinde hineingeboren sein, in ihr aufwachsen, zu einem vordergründigen Christen erzogen werden und teilnehmen am Gemeindeleben, ohne eine persönliche Beziehung zu Jesus zu haben. Das Ergebnis sind viele Traditionen und manch ungeschriebene Gemeinderegel, an die man sich besser hält. Es kommt auf die äußere Form an, aber nicht auf die innere Einstellung an.

Oder wir sind bewusst Jünger Jesu, lassen uns von IHM verändern und prägen. Dann geht es in erster Linie nicht um die Form, sondern um den Inhalt unseres Lebens. Und dann leben wir sowohl gemeinsam, als auch als Einzelperson Gemeinde, denn Jesu Leib ist ein lebendiger Organismus und keine tote Organisation.

In diesem Sinne eine lehrreiches Wochenende.

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